Wenn Geopolitik zum entscheidenden Risikofaktor wird
Ein Interview mit Dr. Gregor Broschinski, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstands der Sparkasse Düren.
Elite Report extra: Herr Dr. Broschinski, das Börsenjahr 2026 zeigt eine extrem hohe Volatilität. Wie reagieren Sie mit Ihrer Investmentstrategie darauf?
Dr. Gregor Broschinski: Wir stehen vor einer herausfordernden Mischung aus geopolitischen Verwerfungen, einer Bewertungsernüchterung im KI-Sektor mit den Mag-7-Aktien, der anhaltend galoppierenden globalen Verschuldung der Staaten mit über 100 Billionen US-Dollar und der damit einhergehenden »debasement trade«-Orientierung der Investoren. Diesen Begriff hat weitgehend JP Morgan Chase geprägt. Der sogenannte debasement trade bezeichnet das schwindende Vertrauen von Anlegern in den inhärenten Wert der führenden Leitwährungen. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs (März 2026) sehen wir zudem einen Ölpreis, der aufgrund der Iran-Intervention einen inflationstreibenden Preis von über 100 US-Dollar erreicht hat. Das steht für eine zu erwartende Abkühlung der globalen Konjunktur. Das Szenario einer Stagflation, also die toxische Mischung aus Inflation und schrumpfendem Wirtschaftswachstum, wird greifbar.
Insgesamt verdeutlicht 2026 den Marktteilnehmern, dass die Geopolitik sich zu einem entscheidenden Risikofaktor für die Vermögensverwaltung entwickelt. Meines Erachtens gilt es daher, die Depots sicherheitsorientierter auszurichten sowie neue Asset-Kategorien beizumischen. Zu Beginn des Jahres 2026 reduzierten wir so zum Beispiel zugunsten europäischer Aktienmärkte den Anteil an US-Aktien deutlich und damit ebenso die Übergewichtung bei Techaktien. Ferner haben wir im Sinne einer debasement trade-Ausrichtung, die wir bereits 2025 begannen, nun erstmalig und nennenswert physisch hinterlegtes Gold (Xetra Gold) in die Allokation aufgenommen.
Außerdem wurden auf Schweizer Franken nominierte Anleihen in unserem Rentenportfolio zu Lasten von Euro-Anleihen ergänzt. Unsere seit Jahren erfolgreiche Positionierung im Bitcoin bleibt erhalten. Unser Investmentprozess SMART.balance profitiert mit seinem disziplinierten Rebalancing-System von temporären Marktschwächen zum Nachkaufen, gerade in Märkten mit hoher Volatilität. Daran halten wir natürlich genauso fest wie an unserer grundsätzlich globalen Ausrichtung der Anlagestrategie, die sich am MSCI orientiert. Dabei ist es aber wichtig, die stark wachsende Bedeutung der Emerging Markets und des BRICS Blocks in den Depots zu spiegeln. Letztlich ist dies ebenso eine Veränderung der Geopolitik auf wirtschaftspolitischer Ebene, auf die es zu reagieren gilt.
Elite Report extra: Wie beurteilen Sie das Phänomen der stark gestiegenen Staatsverschuldung?
Dr. Gregor Broschinski: Die globalen Staatsschulden haben die Marke von über 100 Billionen US-Dollar deutlich überschritten. Auf die USA entfällt über ein Drittel davon, auf die EU 15 Prozent mit Tendenz Richtung 20 Prozent und der Rest eben auf den Rest der Welt, inklusive China. Die absoluten Zahlen sind beeindruckend, für manche beängstigend. Die Zinslast steigt weiter deutlich aufgrund der gestiegenen Zinsen. Gleichwohl müssen wir sie im Verhältnis zum BIP der Länder messen. Hier haben wir in den Industrieländern Niveaus von jetzt etwa 100 Prozent und deutlich darüber erreicht, zum Beispiel in den USA. Die führenden Volkswirtschaften und deren Notenbanken zeigen allerdings, dass sie die »Kunst, mit Schulden zu leben« weiterhin meisterlich verstehen.
Für die EU sehen wir zum Beispiel eine faktische Schuldenunion, bei der die EZB heute schon etwa ein Drittel aller EU-Staatsanleihen hält. Im Bedarfsfall wird sie weiter einspringen als Käufer. Das Vertrauen der Anleger ist noch hinreichend gegeben. Gleichwohl müssen wichtige Volkswirtschaften wie Deutschland dringend Reformen realisieren, um das BIP zu stützen und von der reinen Finanzierung des Sozialstaats zurück zu einer wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik zu finden. Die Märkte dürfen nicht das Vertrauen in die Wachstums- und Reformfähigkeit der großen Volkswirtschaften verlieren. Es ist aber bereits viel Vertrauen verloren worden und daher sehen wir das Phänomen des erwähnten debasement trade.
Elite Report extra: Wie sehen Sie die Inflationsentwicklung?
Dr. Gregor Broschinski: Die gemessene und publizierte Inflation ist zunächst stark abhängig von der Struktur des gewählten Warenkorbs. Wer meint, die Inflation in den USA sei mit etwa 2,5 Prozent doch deutlich höher als in der EU mit rund 2 Prozent oder in Deutschland mit zuletzt 2,1 Prozent, der irrt. Der Warenkorb der EU fällt traditionell etwa 1 Prozent niedriger in der Inflation aus, als der der USA. Also ein rein struktureller Unterschied, die gemessene Inflation ist faktisch mehr oder weniger gleich derzeit. Außerdem bilden die Warenkörbe nur einen Teil der Wahrheit ab, die für jeden Anleger unterschiedlich ausfällt.
Die wirkliche, am Geldbeutel der Menschen gemessene Teuerung ist sicherlich deutlich stärker als die offiziellen Inflationsraten. Der Iran-Ölpreisschock wird sich ohne Zweifel inflationstreibend auswirken. Inflation hat aber etwas »Positives« in Bezug auf die Staatsschulden: Sie ist die höflichste Form des Schuldenschnitts für die Staaten. Die mathematischen Effekte sind über lange Zeiträume bestechend. Schulden der Vergangenheit werden über lange Zeiträume gesehen einfach weginflationiert. Mathematik kann so schön sein.
Elite Report extra: Wie hat sich Ihr YouTube-Kanal Sparkasse.black weiterentwickelt?
Gregor Broschinski: Mit über 3,2 Millionen Aufrufen im März 2026 ist das erst Ende 2024 gestartete Projekt erstaunlich erfolgreich. Im März 2025 waren zum Beispiel erst 0,5 Millionen Aufrufe zu verzeichnen. Das Themenspektrum geht mittlerweile über eine reine Kapitalmarktorientierung hinaus. Letztlich sprechen wir aber immer über Themen, die gesellschaftlich wie unternehmerisch ebenfalls relevant sind. Darunter zum Beispiel ein Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Frank Schneider über Trauma und Traumabewältigung. Mir macht das Format
viel Freude und wir haben noch einiges vor. Abonnieren von SPARKASSE.black lohnt sich also.
Elite Report extra: Die Wertentwicklung der typischen KI-Aktien hat sich deutlich abgekühlt. Ist das Thema schon vorbei?
Gregor Broschinski: Nein, die Konsequenzen von KI haben gerade erst begonnen. Sie beeinflussen die Geschäftsmodelle der meisten Unternehmen fundamental. Gleichwohl heißt dies eben nicht, dass die heute führenden Anbieter von KI, seien es Prozessoren oder Anwendungen, wirklich dauerhaft in der Lage sein werden, ihre hohen Börsenbewertungen zu rechtfertigen. Die KI-Industrie ist selbst in höchstem Maße disruptiv.
Chipdesign von heute muss nicht das Chipdesign von morgen sein; genauso wenig wie die selbstlernenden Modelle.
Zusätzlich stehen Paradigmenwechsel vor der Türe. Eventuell werden Quantencomputer zu ganz anderen Möglichkeiten führen. Es gilt daher, die KI-Entwicklung genau im Auge zu behalten. Will man von Anbietern im KI-Sektor profitieren, so sollte eine möglichst breite Streuung verfolgt werden. Wichtiger erscheint mir noch, den Blick auf die Veränderung von ganzen Industrien zu richten, deren Geschäftsmodell sich durch die Anwendung
von KI komplett verändern könnte und zum Verschwinden von heute großen Konzernen zugunsten neuer Player führen kann.
Elite Report extra:Wie ist Ihr Ausblick als CIO für die nächsten Jahre, was empfehlen Sie den Anlegern?
Gregor Broschinski: Auf jeden Fall weiter global investieren. Dabei geht Sicherheit vor Chance. Die Geopolitik muss als stark prägender Faktor in die Asset Allocation eingepreist werden. Emerging Markets und der BRICS bedürfen höherer Allokationsanteile. Ferner sollte man den Grundzügen des beschriebenen debasement trade folgen und sich vor Kaufkraftverlust schützen (Gold, Schweizer Franken, Bitcoin). Überdies gilt es, bei historischen Strukturverwerfungen wie dem KI-Trend sehr gut informiert zu bleiben und eine breitere Streuung als nur die Mag 7 umzusetzen.
Elite Report: Herr Dr. Broschinski, wir danken Ihnen!

